Fehlerkultur – Ein rares Gut, welches nicht so einfach zu erreichen ist

Fehlerkultur – Ein rares Gut, welches nicht so einfach zu erreichen ist

19. Juni 2022

Eine Betrachtung am Fall Fynn Kliemann

Fynn Kliemann ist gerade in aller Munde. Am virtuellen Pranger ringt er verzweifelt um Vergebung, welche ihm aller Voraussicht nach nicht oder nur von wenigen Fans zu Teil werden wird. Er habe Fehler gemacht und er würde jetzt aufräumen … Das reicht vielen nicht aus. Verständlich zeugt aber leider auch von einer fragwürdigen Fehlerkultur. Und genau das ist das Problem. Denn was soll man denn tun, wenn man einen Fehler gemacht hat? Sich entschuldigen, aufräumen und es so gut es geht wieder gut machen, scheint nicht mehr zu reichen. Es scheint auch auf die Qualität des Fehlers anzukommen … Um unsere Fehlerkultur ist es wohl nicht so gut bestellt.

Kliemann war schon vor dem Maskenskandal eine polarisierende Persönlichkeit. Die einen fanden ihn wunderbar planlos, chaotisch und nahbar. Die anderen hielten ihn für einen berechnenden Honk. Frei nach dem Motto: Da kann doch was nicht stimmen. Vermutlich war er weder das eine noch das andere, sondern irgendwas dazwischen. Denn das Bild, was wir uns von einer Person machen, ist eben nur ein Bild und nicht die Person selbst. Dabei stimmt sowohl das Bild als auch das, was das Bild eben nicht abbildet. Das ist bei Kliemann nicht anders als bei uns selbst. Andere Menschen haben ein Bild von uns und das stimmt nur in Teilen, da sie ja nur einen Ausschnitt sehen.

Wie unsere Fehler mit unserem Selbstbild zusammenhängen

Und es kommt noch dicker: Wir selbst haben ein Bild von uns und versuchen dieses Bild so gut es geht zu erhalten. Auch vor uns selbst. Damit das funktioniert bemogeln wir uns sogar selbst. In jedem von uns steckt ein bisschen Fynn Kliemann. Schwer zu glauben? Alle die, die noch nie in einer Tempo-30 Zone zu schnell gefahren sind, mit der guten Begründung: Passt schon. Kommt ja keiner … und alle, die noch nie ihrer Versicherung einen Cent mehr abgerungen haben, als ihnen wirklich zusteht. Ach ja und alle, die wirklich umweltbewusst sind, aber doch lieber das Auto als Bahn oder Fahrrad zum Einkaufen oder zur Arbeit nehmen … Alle haben gute Begründungen, warum sie das gerade tun. Das hatten die Cum Ex Involvierten übrigens auch … Menschen sind immer dann altruistisch, wenn es zu ihrem Vorteil oder wenn es bequem ist. Mit Anstrengung verbundener Altruismus greift in der Regel nur dann, wenn er uns in einem richtig guten Licht dastehen lässt. Lässt er uns dämlich aussehen, lassen wir es in der Regel lieber. Wie dumm ist es auch, der Versicherung oder gar der Steuer Geld in den Rachen zu werfen? Dass der Solidargemeinschaft dadurch Schaden entsteht, blenden wir pfiffig aus. Willkommen im Kliemannsland …

Erschwerend hinzu kommt, dass wir Menschen und die Welt nicht in Schwarz und Weiß in gut und böse eingeteilt werden können. Um aber Menschen und die Welt zu begreifen, tun wir genau das. Denn es ist so viel einfacher, in zwei einfache Kategorien zu unterteilen als die komplexe Systematik zu durchdringen, in der wir leben und die wir selbst als Person tatsächlich sind. Dabei wollen wir selbstverständlich alle gut sein. Das sind wir auch in vielen Fällen. Wenn aber Komplexität in dieses einfache Spiel Einzug hält, dann bekommen wir Probleme, welche unsere Psyche mit Verdrängungen löst, um zum einen an der Komplexität nicht zu verzweifeln und zum anderen überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

Ein einfaches Beispiel ist, dass wir doch alle umweltbewusste Menschen sind und wir unser Möglichstes tun, um den Planeten zu erhalten und am Ende bestenfalls zu retten. Oder? Wenn ich diese These in meinem Bekanntenkreis oder in einem Seminar aufstelle, nicken alle. Ein paar Vorsichtige warten erst mal ab, wo ich mit dieser Frage hin will. Wenn ich als Nächstes die Frage stelle, was alle im Einzelnen für die Umwelt tun, wagen sich auch die Vorsichtigen in der Regel aus der Deckung und erzählen stolz, wie sie Vegetarier wurden oder wie sie mehr Fahrrad fahren. Andere verzichten weitestgehend auf Plastik oder fliegen nicht mehr in den Urlaub. Alles top! Wenn ich dann die Behauptung aufstelle, dass das ja die einfachen Dinge seien und was sie denn nun wirklich für Anstrengungen unternehmen würden, werden die ersten schon zickig. Dann schnappe ich mir immer gern das Beispiel „Autofahren“. Denn sehr oft – ich wohne auf dem Land – fahren fast alle Auto. Blöd, dass das Autofahren eine der größten Umweltbelastungen überhaupt ist. Warum denn darauf nicht verzichtet würde … Auf „Das geht nicht weil …“ habe ich natürlich die Antwort parat „Doch geht. Du bist nur nicht bereit, die Einschränkungen, die das mit sich bringt, auf Dich zu nehmen …“

Ich lenke dann natürlich schnell wieder ein und mache klar, dass wir zunächst mal nicht alles ändern können. Stichwort „Komplexität“. Wir leben auch in unseren kleinen persönlichen Welten in so komplexen Geflechten, dass es sehr schwer ist, alles auf einmal zu ändern. Ich fahre übrigens selbst auch Auto. Und ich verdränge den Fakt, dass ich mit jeder Fahrt der Umwelt schade jedes Mal sehr erfolgreich. Die Kunst ist, sich dessen immer mal wieder bewusst zu werden und trotzdem nicht zu verzweifeln. So ist Veränderung möglich. Denn sich eines Problems bewusst zu werden, ist immer der erste Schritt. Bin ich mir dessen nicht bewusst, habe ich keine Chance, etwas zu verändern. Leider ein sehr unangenehmer Prozess. Angenehmer ist es, das Ganze einfach zu verdrängen und sich für die Dinge, die man schon tut zu feiern.

Wie hängen Fynn Kliemann, unsere Fehlerkultur und unser Selbstbild zusammen?

Was hat das mit Fynn Kliemann und der deutschen Fehlerkultur zu tun? Anders gefragt: Was, wenn es Fynn Kliemann genauso ging wie uns Autorfahrer*innen? Was, wenn er das, was ging, schon mal gefeiert hat und die unangenehmen Parts einfach ausgeblendet hat? Und was, wenn ihm sein Erfolg zusätzlich zu Kopf gestiegen ist. Im Grunde auch nichts, was jetzt in irgendeiner Form verwunderlich oder für sich genommen verwerflich wäre. Viel mehr ist es eine ganz normale Reaktion. Wir verändern uns und unseren Blick auf die Welt, je mehr Erfolg bzw. Macht wir haben. Mal ganz abgesehen von den ganz normalen Alltagslügen, die wir uns täglich darüber erzählen, wie gut wir doch sind, um dann noch schnell die Erdbeeren aus Spanien und das T-Shirt bei H&M zu kaufen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Selbst wenn es sich in Kliemanns Fall um Betrug handeln würde, was es ja noch schlussendlich durch ein Gericht zu entscheiden ist, gilt nicht so lange „Im Zweifel für den Angeklagten“? Haben wir uns darauf nicht mal per Gesetz geeinigt? Selbst wenn ein Richter oder eine Richterin Kliemann verurteilen würde, dann ist der Geist unserer Gesetze der, dass die Strafe der Rehabilitation dient. Es geht darum, einen Fehler einzusehen und ihn danach nicht wieder zu machen. Das finden die meisten noch okay, aber wenn jemand einen Fehler einsieht, dann gehört auch noch die andere Seite dazu. Und das ist die Seite, die sagt: Okay, wir geben Dir die Chance, es ab jetzt besser zu machen. Das ist der Kern einer guten Fehlerkultur. Darüber hinaus gehört zu einer guten Fehlerkultur eine Entschuldigung zunächst einmal ernst zu nehmen. Ohne wenn und aber! Natürlich muss dann auch Wiedergutmachung kommen.

Im Zweifel für die Angeklagten … Oder nicht?

Bitte jetzt nicht mit Mord oder Kindesmissbrauch kommen. Das sind Ausnahmen und nicht die Regel. Sonst hätte Deutschland vermutlich wesentlich weniger Einwohner. Die Regel sind kleine und größere Entgleisungen wie beispielsweise die Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß. Interessanterweise wurde ihm nach dem ersten Sturm der Entrüstung tatsächlich verziehen. Warum? Weil er ohne große Gegenwehr seinen Fehler eingestanden und die Konsequenzen getragen hat. Menschen verzeihen Menschen leichter, die ohne Wenn und Aber zu ihren Fehlern stehen und auch ohne Wenn und Aber die Konsequenzen akzeptieren. Formulierungen wie „Das ist Scheiße gelaufen, das gebe ich zu aber …“ sind kontraproduktiv. Besser wäre „Ich habe Scheiße gebaut, das gebe ich zu …“, das ist die zweite Seite der Fehlerkultur. Auf der Seite des Verursachers muss ohne Einschränkungen zur gebauten Scheiße gestanden werden. Ist das nicht der Fall, wird es mit dem Verzeihen ungleich schwerer. Ob bei Kliemann der Verzeihenszug schon abgefahren ist, bleibt abzuwarten, ist aber leider sehr wahrscheinlich.

Aber warum fällt es uns so schwer, Fehler ohne Einschränkungen zuzugeben? Vermutlich, weil wir es nicht lernen. Und weil wir wissen, was folgt. Wir lernen, dass Fehler immer unangenehme Konsequenzen haben und das wir als schlechter Mensch stigmatisiert werden. Wer will das schon?

Eine grundsätzliche Lösung habe ich im Grunde auch nicht. Eines weiß ich aber bestimmt: Eine gute Fehlerkultur zeichnet sich nicht dadurch aus, Menschen an den Pranger zu stellen und sie öffentlich hinzurichten. Vielmehr geht es darum, Fehler aufarbeiten zu wollen. Ein Signal, dass von allen Seiten kommen muss. Das man, wenn man einen Fehler gemacht hat, dann erst mal ganz ganz kleine Brötchen backen muss, ist auch klar. Die Frage ist: Wie lange wollen wir Menschen die kleine und/oder große Fehler gemacht haben, Scheiße fressen lassen? Und hilft das beim Ändern der Situation bzw. der Zukunft? Die Vergangenheit, in der der Fehler passiert ist, ist irreversibel. Aber die Zukunft, in der wir es alle besser machen könnten, ist offen … Warum also nicht von der Entschuldigung ausgehen und sich gemeinsam fragen, was wir daraus lernen können und wie wir die Zukunft besser gestalten können? Alles andere bringt uns nicht weiter, sondern im schlechtesten Fall zurück.

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